21.10.2025

EIN GUTES GEWISSEN, DAS MAN SCHMECKT
Das Bistro ErneuerBar bietet nachhaltige, regionale und inklusive Gastfreundschaft – und weitere wertvolle Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in der Gastronomie – Ein Projekt der Barmherzige Brüder Behindertenhilfe Niederbayern in Straubing
Es riecht nach Holz und Flammkuchen. Nach dem Eichenfußboden, den Fichtenstämmen und der Decke aus Weißtannenholz. Und nach herzhaften, rauchigen, sogar leicht süßlichen Geschmacksaromen. All diese Düfte erfüllen den Raum, verschmelzen in ihm. Die Mischung macht`s. Sie lässt das Stimmengewirr in den Hintergrund treten. Einatmen, ausatmen. Es riecht gut. Christina lächelt. Und wiederholt die Frage. „Was möchtest du?“
Hm. Mal nachdenken. Eigentlich klingt die Blumenkohlsuppe nach „Uromas Art“ mit Rahm und Croutons reizvoll. Schon lange keine Mehlschwitze mehr gekostet. Würde sich da nicht hartnäckig dieser Geruch des frischen Flammkuchens anschleichen, der verführerisch ins Ohr säuselt: Nimm mich! Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Aber die Frage drängt sich auf: Ist der Flammkuchen empfehlenswert? Christina dreht den Kopf zur Theke und gibt die Frage per Blickkontakt an Dennis weiter. Der nickt. „Der Elsässer Flammkuchen ist eines meiner Lieblingsgerichte auf der Karte. Mit hausgemachter deftiger Creme und Speck und Lauchzwiebeln, riecht doch schon gut“, sagt er und deutet auf den Kombidämpfer. So ruhig und entschlossen wie diese Empfehlung daherkommt, so soll es schließlich der Flammkuchen sein.

Auch Christina (34) und Dennis (27) haben eine Wahl getroffen und sich gezielt für ihren neuen Arbeitsplatz entschieden. Beide leben in einem dezentralen Wohnangebot für Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Von dort kommen sie an Dienst-Tagen direkt zum NAWAREUM, wo sie „Chef Roland“, wie sie den Küchenmeister und Arbeitsgruppenleiter nennen, schon erwartet. Küchenmeister ist Roland Schmidmeier von Beruf, Arbeitsgruppenleiter kraft seines neuen Jobs. Er ist für das Bistro ErneuerBar zuständig, das bei der Straubinger Behindertenhilfe-Einrichtung als Arbeitsgruppe der Eustachius Kugler-Werkstatt geführt wird. Das Bistro wiederum befindet sich im Eingangsbereich des Mitmach-Museums NAWAREUM und ist das erste inklusive Lokal in der Gäubodenstadt.
Berührungsängste abbauen
Eine nachhaltige, regionale und inklusive Gastfreundschaft möchte das jüngste gastronomische Inklusionsprojekt der Barmherzige Brüder Behindertenhilfe bieten. Was bedeutet das? Franz Brunner, Werkstatt- und damit zuständiger Projektleiter, antwortet zuerst knapp: „Uns viel.“ Dann, nach einem auffordernden Blick, mit einem verschmitzten Lächeln etwas ausführlicher: „Im Bistro ErneuerBar arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Seite an Seite und schaffen einen Ort der Begegnung, der das NAWAREUM-Konzept ideal ergänzt. Hier gibt es eine nachhaltige und bunte Küche in einem offenen und sehr wertschätzenden Umfeld. Damit wollen wir Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung abbauen, Vielfalt fördern und die unterschiedlichsten Menschen mit gutem Essen und Trinken verbinden.“

Also zurück zum Essen. Das ist Dennis definitiv wichtig. Er hat vorher bereits Erfahrungen in der Küche der Einrichtung gesammelt und sagt über sich „Kochen war schon immer meine Leidenschaft“. Einiges hat er sich selber beigebracht, anderes schaut er sich gerade bei Roland Schmidmeier ab. Kein Wunder, dass sich der 27-Jährige am liebsten an der Seite des Küchenchefs sieht. Dort kann er sich auf das konzentrieren, was ihm wichtig ist. Und es ist etwas ruhiger als im Service, was ihm entgegenkommt.
Den Service überlässt er – wenn er die Wahl hat – gerne Kolleg:innen wie Christina. Auch sie hat bei den Barmherzigen Brüdern zuvor schon Gastro-Luft geschnuppert, war in der Werkstatt für den Pausenverkauf zuständig. Da gab es aber nur Leberkäs-Semmeln und „welche mit Salami oder Käse“. Kein Vergleich zu den leckeren Sandwiches, die sie am Morgen Seite an Seite mit Roland und Dennis für die ErneuerBar-Theke zubereitet hat: Dinkel-Vitalbrötchen mit gebratenem Gemüse und Kürbis zum Beispiel. Oder Dinkel-Ciabatta mit Tomate-Mozarella.
„Abspülen finde ich ganz gut“
An Christinas Seite ist an diesem Vormittag Elliot (22). Der junge Mann wollte ursprünglich im Bistro nur „Starthilfe leisten und sich das neue Lokal anschauen“. Dann hat ihn Dennis davon überzeugt, zu bleiben. Anfangs denkt Elliot noch öfters daran, wieder aufzugeben. „Es ist körperlich anstrengend. Man muss viel stehen, und ich empfinde immer mal wieder Stress, wenn viel los ist“, erklärt er. Sein Blick schweift zur Seite. Dorthin, wo der Durchgang zur Theke auch einen Einblick in die Küche ermöglicht.
Ein Kollege steht am Spülbecken. Elliot sieht ihn und hebt kurz die Augenbrauen. Das ist eigentlich sein bevorzugter Arbeitsplatz. Und eine Aufgabe, der er sich fast schon hingebungsvoll widmet. „Abspülen finde ich ganz gut“, erklärt er. „Ich schaue auf jedes Teil genau drauf und mache es sehr gründlich.“ Dank seiner Lieblingsaufgabe und nach etwas Eingewöhnungszeit ist er im Team gut angekommen. Inzwischen bezeichnet er es als spannend, wenn sich das Lokal füllt, und traut sich auch zu, im Service zu helfen. „Jetzt kann ich“, erzählt Elliot stolz, „auf Leute zugehen und mit ihnen reden.“ Das habe er sich zuvor nicht vorstellen können.

Chancengleichheit und Teilhabe
Dass sowohl Christina als auch Dennis und Elliot das Bistro ins Herz geschlossen haben, liegt nicht zuletzt an den Mitarbeitenden im Fachdienst und „Chef Roland“. Sozialpädagoginnen wie Sarah Falk oder Theresa Aumer hatten besonders zu Beginn ein Auge auf die Strukturen und diese an die speziellen Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung angepasst. Zum Beispiel wurden Schübe mit Fotos und Etiketten beklebt. Was drauf steht, muss man sich dann nämlich nicht mehr merken. Dass er sie selbst Monate nach der Eröffnung noch jederzeit anrufen kann, beruhigt Dennis sehr. Auch, wenn das nur selten notwendig ist. Denn „Chef Roland“ kümmert sich gut. So gut, dass er viel Lob einheimst. „Mit Roland haben wir einen super Chef gekriegt. Er geht voll auf uns ein“, schwärmt Dennis. Und Elliot ergänzt: „Er ist sehr aufmerksam, kann gut zuhören, und wir dürfen eigene Ideen einbringen.“
Roland Schmidmeier lächelt, als er das hört. Für ihn ist das Konzept jetzt schon aufgegangen: leckere Speisen von toskanischer Tomatensuppe über cremige Käsespätzle bis hin zu knuspriger Pizza – zubereitet und kredenzt von Menschen mit Behinderung, die entsprechend ihrer individuellen Stärken eingesetzt werden. Der Küchenmeister hat den erklärten Anspruch an sich selbst, die Beschäftigten „nach vorn zu bringen“. Und das alles in einem Umfeld, das Chancengleichheit und Teilhabe ermöglicht – und im Falles des Flammkuchens auch noch unwiderstehlich gut schmeckt.
„Über die Gastro sagt man ja, dass da auch mal ein rauer Ton herrscht. Das ist hier nicht der Fall. Hier unterstützt jeder jeden.“ DENNIS, BESCHÄFTIGTER IM NAWAREUM
„Seit er hier arbeitet, ist er anderer Mensch geworden. Das sagen auch seine Betreuer. Er lacht, taut auf, blüht auf.“ ROLAND SCHMIDMEIER ÜBER EINEN BESCHÄFTIGTEN